
Wie gelingt Agilität im öffentlichen Dienst
Einleitung: Alle wollen agil sein – aber kaum jemand will sich wirklich verändern
„Agil im öffentlichen Dienst“ ist in Deutschland längst angekommen. Scrum, Kanban und SAFe stehen in Präsentationen, auf Strategiepapieren und in Kickoff-Workshops. Und trotzdem passiert in vielen Kommunen und Landesverwaltungen etwas ziemlich Paradoxes:
👉 Man führt agile Methoden ein – ohne die Organisation wirklich anzufassen.
Das Ergebnis ist oft kein agiles Arbeiten, sondern ein neuer Name für alte Abläufe. Dieser Artikel zeigt ohne Schönfärberei, wie Projektmanagement in der öffentlichen Verwaltung wirklich funktioniert, wenn Scrum, Kanban und SAFe auf Realität treffen.
Die unbequeme Wahrheit: Agilität wird eingeführt, aber nicht zugelassen
In der Theorie klingt alles logisch:
- schneller liefern
- iterativ verbessern
- näher am Bürger arbeiten
In der Praxis gilt jedoch oft etwas anderes. Die Ansage ist oft wie folgt:
„Bitte agil arbeiten – aber bitte nichts ändern, was bestehende Zuständigkeiten betrifft.“
Das ist der Kern des Problems. Agilität wird nicht als Organisationsprinzip eingeführt, sondern als Methoden-Overlay auf eine unveränderte Struktur. Wir gehen ein paar Beispiel in der Welt der Agilität durch.
SCRUM: Wir reiben uns zu sehr!
Scrum ist das beliebteste Framework im öffentlichen Dienst. Und gleichzeitig eines der am meisten missverstandenen. Am Beispiel der Verantwortungen des Product Owner soll folgendes gesagt werden:
In der Praxis sieht die Rolle des Product Owners in vielen Verwaltungen oft ganz anders aus, als es Scrum eigentlich vorsieht. Zwar trägt die Person den Titel und ist formal für das Produkt verantwortlich, in der Realität fehlt aber häufig die echte Entscheidungsmacht. Prioritäten werden nicht wirklich im Team gesetzt, sondern in Gremien oder Abstimmungsrunden festgelegt. Gleichzeitig kommen aus verschiedenen Fachbereichen parallel neue Anforderungen hinzu, und auch Führungskräfte greifen nicht selten direkt in Sprint-Ziele ein. Am Ende führt das dazu, dass Scrum eher wie ein formales Statusmeeting wirkt, das über ein Jira-Board organisiert ist, als wie ein selbstbestimmtes Arbeitsmodell. Selbst die Retrospektiven, die eigentlich zur kontinuierlichen Verbesserung dienen sollen, bleiben oft nett gemeint – aber ohne spürbare Konsequenzen im Alltag.
Kanban: Das ehrlichste agile System in der Verwaltung
Wenn überhaupt etwas in der Praxis wirklich funktioniert, dann ist es oft Kanban. Und der Grund dafür ist ziemlich einfach: Kanban verlangt nicht, dass sich eine Organisation komplett neu erfindet. Es lässt bestehende Strukturen weitgehend so, wie sie sind, und setzt genau dort an, wo es unkritisch möglich ist. Hierarchien bleiben unangetastet, die Arbeit wird lediglich sichtbar gemacht, statt grundlegend neu organisiert, und Engpässe werden transparent, ohne dass sofort große politische oder organisatorische Risiken entstehen. Genau deshalb passt Kanban so gut in viele Verwaltungen. Aber auch hier gilt: Es funktioniert nur dann wirklich gut, wenn es konsequent ernst genommen wird. In der Praxis wird es sonst schnell zu einem bunten Board an der Wand oder im Tool, das zwar gut aussieht, aber im Alltag kaum noch eine echte Rolle spielt.
Fazit: Agile Verwaltung ist kein Methodenproblem – sondern ein Machtproblem
Agile Verwaltung ist am Ende kein Methodenproblem, sondern ein Machtproblem. Scrum, Kanban (oder skalierende Frameworks wie SAFe) sind dabei nicht das eigentliche Hindernis – sie sind lediglich Werkzeuge. Die entscheidende Frage liegt woanders: Wer darf tatsächlich entscheiden, und wer nicht?
Solange diese Frage in Organisationen nicht klar beantwortet oder bewusst neu verhandelt wird, bleibt „Agile im öffentlichen Dienst“ in vielen Fällen genau das, was es heute oft ist: ein modernes Label auf einem sehr klassischen System.
Der Autor:

Sercan Cevik ist ehemaliger Projektleiter von strategischen Organisations- und IT-Projekten in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst. Insbesondere in der praktischen Implementierung von agilen Frameworks in strikt hierarchisch strukturierten Organisationen hat er wertvolle Erfahrungen sammeln dürfen. Jetzt ist er als PM Trainer für klassisches, agiles und hybrides PM tätig und ist Mitbegründer des Agile Café.

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